Ren Zhengfeis Interview mit der ARD

New-York-Times

01. Hubert Seipel, ARD: Sie werden als eine Art chinesischer Steve Jobs gesehen und Huawei als eine Art chinesisches Silicon Valley. Wie haben Sie das geschafft?

Ren Zhengfei: Nun zunächst bin ich nicht Steve Jobs. Er war maßgeblich an der Entwicklung des mobilen Internets beteiligt und leistete wichtige Beiträge für die Menschheit. Seine Philosophie war das Streben nach Perfektion. Ich selbst habe keine exquisiten Fähigkeiten. Alles, was ich tue, ist, wie mit einem Eimer „Leim“ unsere 180.000 Mitarbeiter zusammen zu halten, um ein kollektives Engagement zu erreichen. Die Ehrentitel, die mir verliehen wurden, sind eigentlich für die Leistungen unserer engagierten Mitarbeiter. Philosophisch glaube ich an Huidu und Kompromisse. Ich glaube, dass es zwischen Schwarz und Weiß Huidu, oder einen Grauton, gibt. Im Gegensatz dazu war Steve Jobs Perfektionist. Es gibt viele charakterliche Unterschiede zwischen uns. Ich bin nicht so großartig wie er, deshalb könnte ich auch niemals als Steve Jobs von China bezeichnet werden. Das liegt nicht daran, dass ich bescheiden bin, sondern daran, dass ich mich selbst nicht für einen großartigen Menschen halte.

Hubert Seipel: Wir könnten wahrscheinlich zu dem Schluss kommen, dass Huawei ein globaler Riese ist und Technik herstellt, die das Rückgrat des Internets bildet.

Ren Zhengfei: Ja, Sie haben Recht.

02. Hubert Seipel: Sie sind 1944 als ältestes von sieben Kindern in einer ärmeren Provinz in Südchina geboren. Was waren Ihre Eltern von Beruf?

Ren Zhengfei: Sie waren beide Lehrer, die in einer abgelegenen und armen Region in Guizhou arbeiteten. In dieser Region leben hauptsächlich Minderheiten. Meine Mutter war Grundschulleiterin, und mein Vater war Schulleiter.

03. Hubert Seipel: Sie sind in schwierigen Zeiten aufgewachsen. Es gab eine große Hungersnot Ende der 1950er Jahre und danach eine Kulturrevolution. Woran erinnern Sie sich am meisten? Wie hat es Sie beeinflusst?

Ren Zhengfei: Meine stärkste Erinnerung an meine Kindheit und Jugend ist der Hunger. Während der drei Jahre der großen Hungersnot hatte ich jeden Tag immer nur den gleichen großen Traum, nur ein Dampfbrötchen zu haben. Wenn ich abends ins Bett ging, träumte ich davon, wie ich ein Brötchen bekommen könnte. Ich dachte nicht ans Lernen oder an die berufliche Zukunft. Als Kind wusste ich auch nicht, was Taschengeld war. Im dritten Schuljahr an der Oberschule kam meine Mutter auf mich zu und sagte mir, dass sie mir von nun an jeden Tag fünf Cent als Taschengeld geben würde. Ich hatte das Gefühl, mit diesem Taschengeld so viel anfangen zu können.

04. Hubert Seipel: Vor ungefähr 20 Jahren haben Sie einen kurzen Aufsatz über Ihre Erinnerungen an Ihre Eltern geschrieben. Eines der Hauptwörter war „Hunger“. Ich zitiere: „Wir gewöhnten uns einigermaßen daran, hungrig zu sein, und fanden verschiedene Wege, den Hunger zu stillen.“ Der Hunger war ganz offenbar das Prägendste für Sie zu dieser Zeit.

Ren Zhengfei: Was uns von 1959 bis 1962 heimsuchte, war der Hunger. Ab 1963 und 1964, als sich die chinesische Wirtschaft zu erholen begann, war Hunger kein Thema mehr. Ab da wendete sich die Politik in China nach links. Die sozialistische Bildungsbewegung und die Kulturrevolution waren auf dem Vormarsch, aber ich stand nicht wirklich darauf. Ich wollte mich voll konzentriert und leidenschaftlich mit Technologien befassen. Ich wusste nichts über Politik. Der plötzliche politische Fanatismus, den ich damals sah, bereitete mir großes Unbehagen, und ich hatte keine Ahnung, was ich tun konnte.

Während der Kulturrevolution wollte ich mich auch anderen bei Protesten und Demonstrationen anschließen. Aber mein Vater wurde als „Kapitalist“ gebrandmarkt. Dafür wurde er tatsächlich in einem „Kuhstall“ eingesperrt. In China wurde dieser Ansatz der Freiheitsentziehung als Einhegung von Monstern und Dämonen bezeichnet. Das Haus, in dem sie eingesperrt waren, wurde „Kuhstall“ genannt. Aufgrund meiner Familie gab es damals für mich keine Möglichkeit, an den Bewegungen teilzunehmen. Als ich 2001 die Erinnerungen an meine Eltern schrieb, wurde mir plötzlich klar, dass ich nicht zu den Millionen von Roten Garden während der proletarischen Kulturrevolution gehört hatte. Warum? Einerseits wollten mich die großen Organisationen aufgrund meiner familiären Beziehungen nicht aufnehmen. Andererseits wollte ich selbst auch keiner der kleineren Organisationen beitreten. Ich blieb ein Außenseiter.

Hubert Seipel: Warum nahmen die Revolutionsgarden ausgerechnet Ihre Familie ins Visier?

Ren Zhengfei: Weil mein Vater Direktor einer Lehrerhochschule war. Die Kulturrevolution richtete sich zuerst an Schulleiter und Lehrer. Obwohl mein Vater damals zu den Intellektuellen der Kommunistischen Partei gehörte, hatte er eine ganz andere politische Identität als die Kader der Bauern- und Arbeiterklasse. Diese kamen aus abgelegenen Bergdörfern und hatten keine Gelegenheit gehabt, mit Menschen aus der Außenwelt in Kontakt zu kommen. Sie hatten einen sehr sauberen Hintergrund. Die Intellektuellen hatten jedoch ihre Wurzeln in der alten Gesellschaft und untrennbare Verbindungen zu dieser Gesellschaft. Daher wurden sie das erste Angriffsziel.

05. Hubert Seipel: Sie haben Ihren Abschluss gemacht und dann Architektur und Ingenieurwesen studiert. Wie sind Sie zur Armee gekommen?

Ren Zhengfei: Ministerpräsident Zhou Enlai versuchte, regionale Ingenieurteams für den Bau einer Kunstfaserfabrik mit Anlagen der französischen Unternehmen Technip und Speichim zu mobilisieren. China befand sich aber aufgrund der Kulturrevolution in einem völligen Chaos, und wegen der rauen Lebensbedingungen in der Region, in der sich die Fabrik befinden sollte, reagierte kein regionales Team auf den Aufruf. Ministerpräsident Zhou Enlai hatte also keine andere Wahl, als die Armee zu mobilisieren. Der Armee mangelte es jedoch an technologischem Know-how, und es konnten vorübergehend auch keine Ingenieure aus regionalen Ingenieurteams ausgeliehen werden. Also platzierte die Armee Studenten wie mich, die ein wenig technisches Know-how besaßen, in dieser wichtigen Position, um die Fabrik aufzubauen. Ich habe Glück gehabt, in einem modernen Ingenieurprojekt arbeiten und zum Militär gehen zu können.

06. Hubert Seipel: Wenn ich mich recht erinnere, ging die Kulturrevolution 1976 zu Ende und die „Viererbande“ verschwand. Womit haben Sie sich damals beschäftig?

Ren Zhengfei: Als der Vorsitzende Mao 1976 starb, half ich beim Bau der Kunstfaserfabrik in Liaoyang. Die Bauarbeiten hatten gerade begonnen.

07. Hubert Seipel: Sie durften erst 1978, als Ihr Vater rehabilitiert worden war, der Kommunistischen Partei beitreten. Ist das richtig?

Ren Zhengfei: Nachdem der Vorsitzende Mao 1976 gestorben war, stürzte Hua Guofeng, der damalige Vorsitzende der Kommunistischen Partei, die „Viererbande“. Dies hat Chinas Politik aufgewühlt und den Lauf der Geschichte verändert. China begann, Wert auf Wissenschaft, Technologie und die Mitwirkung der Arbeiterschaft zu legen.

Als ich am Bau der Fabrik in Liaoyang arbeitete, erfand ich durch mathematische Schlussfolgerungen ein Messgerät. Es war das erste seiner Art in China und vielen anderen Ländern. Während dieser historischen Periode wurde meine kleine Erfindung zu etwas wirklich Großem hochgejubelt und ich wurde ausgewählt, an der Nationalen Wissenschaftskonferenz teilzunehmen. Die Partei hielt eine Tagung ab, um Mitglieder für das Parteikomitee der Delegation auszuwählen. Während der Tagung schlenderte ich durch den Garten. Der Veranstalter der Tagung sah mich und kritisierte, dass ich nicht an der Tagung teilnahm. Ich antwortete: „Ich bin kein Parteimitglied“. Der Veranstalter war über meine Antwort erstaunt. Zu dieser Zeit konnte man nicht einmal Chef eines Kochtrupps im Militär werden, ohne Parteimitglied zu sein. Wie konnte ein Nicht-Parteimitglied überhaupt an einer nationalen Veranstaltung wie der Nationalen Wissenschaftskonferenz teilnehmen? Aber die Regierung hielt mich nicht für unqualifiziert. Wenn ich nicht qualifiziert gewesen wäre, wäre es mir nicht gelungen, eine Vielzahl von Schwierigkeiten zu überwinden und an der Nationalen Wissenschaftskonferenz teilzunehmen. Die Regierung rief dann meinen Kommandanten im Militär an und sagte, die Organisation habe eine Fehlentscheidung getroffen und mein Fall solle noch einmal überdacht werden.

Nach der Nationalen Wissenschaftskonferenz diskutierte die Armee meinen Antrag auf Eintritt in die Partei erneut. Es gab einen riesigen Stapel von Dokumenten über die Vorwürfe gegen meinen Vater. Das Militär entschied, dass es zu lange dauern würde, mit der Genehmigung meines Antrags zu warten, bis die lokale Regierung zu einer Entscheidung über den Fall meines Vaters gelangt wäre. So leitete das Militär eine neue Untersuchung der Geschichte meines Vaters ein. Man erzählte mir später, was mein Vater falsch gemacht hätte und was nicht, und erläuterte mir die wenigen Punkte, die in meine Personalakte aufgenommen würden. Durch diese Untersuchung wurde mein familiärer Hintergrund endgültig geklärt und es gab kein großes Problem damit, sodass mein Antrag auf Beitritt zur Partei erneut besprochen werden konnte. Es gab immer noch Hindernisse auf den unteren Parteiebenen, weil die Leute dort sehr konservativ dachten. Aber die oberen Ebenen wollten, dass ich der Partei beitrete, also konnte ich der Partei beitreten.

Bevor ich in die Partei eintrat, beauftragte das Militär einen Journalisten namens Xu Guotai, mich zu untersuchen, und er teilte dem politischen Kommissar meiner Abteilung die Einzelheiten der Untersuchung mit. Eines Tages lud er mich ein, spazieren zu gehen, und ich sagte, ich müsse mich erst umziehen. Er folgte mir in mein Schlafzimmer. Ich holte ein Paar Socken und Klamotten unter meinem Bett hervor und zog die an, die am frischesten rochen. Ich war ein fauler Mensch und warf meine Socken und Klamotten beim Ausziehen einfach auf den Boden. Xu sagte dem politischen Kommissar: „Ren widmet sich voller Elan der eingehenden technologischen Forschung. Ich möchte ihn der Partei als Kandidaten empfehlen.“ Auch der politische Kommissar zeigte sich bereit, mich zu empfehlen. So wurden die Hindernisse auf den unteren Parteiebenen überwunden. Ungefähr 30 Jahre später, als ich Xu wieder traf, erzählte er mir, dass er damals für die Zentralregierung meinen Hintergrund und meine Leistungen untersuchte. Ich hätte dieses Geheimnis nicht entdeckt, wenn er es mir nicht erzählt hätte. So habe ich es geschafft, die Hindernisse zu überwinden, in die Partei einzutreten und mit der Zeit Schritt zu halten.

08. Hubert Seipel: Im Dezember 1978 führte Deng Xiaoping die Reform- und Öffnungspolitik ein, die 40 Jahre von Reformen und Wirtschaftswachstum für China einleitete. Wie hat sich das auf Sie ausgewirkt?

Ren Zhengfei: Während der Nationalen Wissenschaftskonferenz im März 1978 hörten wir Reden unserer Oberen, darunter Chen Jingrun. Wir waren zu Tränen gerührt, weil wir endlich als „Söhne“ dieses Landes anerkannt wurden. Während seiner Rede sagte Deng Xiaoping unter tosendem Applaus, dass wir „ein Teil der Arbeiterklasse“ seien. Wir waren begeistert und freuten uns sehr, als wir das hörten. Wir gehörten nun tatsächlich auch zur Arbeiterklasse und waren nicht mehr Kapitalisten oder Intellektuelle. Deng Xiaoping sagte auch, dass wir „jede Woche vier Tage arbeiten und einen Tag studieren“ sollten. Das hat uns sehr gefreut. Das politische Studium war zu sehr in den Mittelpunkt gerückt, nun mussten wir es reduzieren.

Auf der dritten Plenartagung des 11. Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas im Dezember 1978 beschloss die chinesische Regierung, die Reform- und Öffnungspolitik einzuleiten. Das haben wir damals nicht so richtig verstanden. Wir wussten nicht, dass dies eine bahnbrechende Reform sein würde. Stattdessen hatten wir einfach das Gefühl, dass der Ton sich verändert hatte. Wir waren begeistert, weil die Regierung beschlossen hatte, die Wirtschaft des Landes zu entwickeln, und wir die Möglichkeit erhalten würden, hart zu arbeiten. Davor war es wichtig gewesen, einen „roten“ Hintergrund und eine Spezialisierung zu haben. Den „roten“ Hintergrund hatte ich aber nicht. Wir waren zu dieser Zeit jung und politisch nicht sensibel, sodass wir kein tiefes Verständnis der Entscheidungen hatten, die während der dritten Plenartagung der KPCh getroffen wurden. Als wir dann Tag für Tag Veränderungen sahen, begannen wir zu begreifen, dass eine Theorie oder eine Veränderung der sozialen Struktur enormen Einfluss auf ein Land haben konnte. Wir konnten die Bedeutung dieses Satzes nicht begreifen: „Die Flügelschläge eines Schmetterlings über dem Amazonas können einen Tornado in Texas auslösen.“ Wir hatten nur das Gefühl, dass sich China verändern würde.

09. Hubert Seipel: Infolgedessen wurde die Armee jedoch abgerüstet und Sie verloren Ihren Job.

Ren Zhengfei: Das Wichtigste, was zwischen 1978 und 1982 geschah, war, „das Chaos zu beenden und die Gerechtigkeit wiederherzustellen“. Die Situation stabilisierte sich allmählich. Danach beschloss Deng Xiaoping, große Teile des Militärs aufzulösen. Von der Zentralregierung bis zu den Kommunalverwaltungen verstanden die Leute nicht, warum er diesen Schritt machte. Ich hörte Luo Ruiqings Rede, die er 1978, drei Monate vor seinem Tod, auf der Nationalen Wissenschaftskonferenz hielt. Er sagte: „Wir haben eine hart erkämpfte Friedensperiode von mehr als einem Jahrzehnt vor uns.“ Er meinte, dass es in den nächsten mehr als 10 Jahren keine Kriege geben werde, also sollten wir uns auf die wirtschaftliche Entwicklung konzentrieren. Er dachte über seinen Fehler nach, Chinas wissenschaftliches Forschungssystem für die nationale Verteidigung 1965 in das zweite, dritte, vierte und siebte Ministerium für Maschinenbau unterteilt zu haben, was China tatsächlich schwächte. Er war jedoch danach schnell aus seinem Amt entfernt worden und hatte keine Chance gehabt, diesen Fehler zu korrigieren. Zehn Jahre später erlangte er seine Position zurück und dachte über diesen Fehler nach, den er vor der Kulturrevolution begangen hatte. Er glaubte, dass China eine Phase der friedlichen Entwicklung annehmen würde und dass das Militär mit der Expansion aufhören sollte. Zu dieser Zeit haben wir nicht verstanden, was er meinte.

Während des 12. Nationalen Kongresses der Kommunistischen Partei Chinas im Jahr 1982 begann China, große Teile seiner Armee, hauptsächlich das Eisenbahn- und Tiefbaukorps, aufzulösen. Zu dieser Zeit gehörten wir zu den „sonstigen Korps“ und sollten zuerst aufgelöst werden. Die regulären Streitkräfte wurden nicht aufgelöst. Nachdem aber diese „sonstigen Korps“ aufgelöst waren, stiegen die Militärausgaben sogar, weil die nun aufgelösten Eisenbahn- und Tiefbaukorps eigentlich Geld für das Militär verdient hatten, das jetzt fehlte. Dann setzte die Regierung die Auflösung des Militärpersonals fort und entließ eine Million Soldaten aus den Feldarmeen. Das Militär schrumpfte von 5 Millionen auf 4 Millionen und dann auf 3 Millionen Soldaten. Noch heute wird das Militär verkleinert, um die wirtschaftliche Entwicklung des Landes zu unterstützen. Ich verstehe jetzt die Logik dahinter, aber damals habe ich sie nicht verstehen können. Ich hatte mich an das Militär und meine Arbeit dort gewöhnt und war daher nicht bereit für berufliche Veränderungen.

10. Hubert Seipel: Sie haben Huawei 1987 gegründet, aber unter welchen Bedingungen? Denn eine politische Reform ist eine Sache, aber die Realität sieht anders aus. Zu dieser Zeit war die Marktwirtschaft in China mehr oder weniger unbekannt. Was für eine Erfahrung hatten Sie am Anfang?

Ren Zhengfei: Als ich 1984 nach Shenzhen kam, merkte ich sehr schnell, dass ich mit dem System der Marktwirtschaft überhaupt nichts anfangen konnte. Ich bin von der Armee direkt in die Marktwirtschaft gewechselt. Mein Denken war nach wie vor traditionell. Aber die Gesellschaft war zur Marktwirtschaft übergegangen. Es gab eine Frage, über die ich immer wieder nachdachte: In der Armee hatten wir darüber gesprochen, Menschen zu dienen. Aber hier sollten wir an anderen Geld verdienen. Warum? Ich hatte das Gefühl, dass alle Unternehmen Menschen um Geld betrogen. Warum sollte ein Produkt, das für 10 Yuan gekauft wurde, für 12 Yuan verkauft werden? Dies war das Erste, was mir unangenehm war. Zweitens konzentrierte ich mich, als ich in der Chemiefaserfabrik in Liaoyang arbeitete, auf das automatische Steuerungssystem, ein analoges Proportional-Integral-Differential-Steuerungssystem. Als ich jedoch nach Shenzhen kam, eine Stadt, die an der Spitze der Reform und Öffnung stand, stellte ich fest, dass die Welt schon in das Computerzeitalter eingetreten war. Diese beiden Welten waren völlig unterschiedlich. Wie konnten wir mit den jungen Leuten mithalten? Dies war das Zweite, woran ich mich nicht gewöhnen konnte. Drittens vertraute ich den Menschen zu sehr. In der Armee beruhte das Kommando selbst auf Vertrauen, daher dachte ich, dass es an anderen Orten auch so sein würde.

Ich war stellvertretender Geschäftsführer eines kleinen staatlichen Unternehmens mit über 20 Mitarbeitern. Ich hatte keine Entscheidungsbefugnis. Ich wusste auch nicht, wann ein neuer Büroleiter kam oder wer in welche Position wechseln würde. Sie waren mir nicht unbedingt unterstellt, aber ich musste für ihre Fehler geradestehen. Ich selbst habe auch viele Fehler gemacht. Zum Beispiel gab ich aus Vertrauen anderen Geld, bekam aber am Ende keine Waren. Ich wurde um zwei Millionen Yuan betrogen, und später verbrachte ich ein ganzes Jahr damit, das Geld zurückzubekommen. Das meiste Geld habe ich zurückbekommen, aber es gab noch einige Außenstände. Als ich nach der Gründung einer kleinen Firma etwas Geld verdiente, bezahlte ich noch einen Teil der Schulden der Firma ab, für die ich zuvor gearbeitet hatte.

Was war die größte Lektion, die ich aus diesem Vorfall gelernt habe? Ich hatte kein Geld, um einen Anwalt zu engagieren oder um Hilfe zu bitten, indem ich Geschenke anbot. Ich habe fast alle mir zur Verfügung stehenden Gesetzbücher selbst gelesen. Dann wurde mir klar, dass sich eine Marktwirtschaft aus der Lieferung von Waren, aus Kunden und aus Transaktionen zusammensetzt und dass das Gesetz bei der Lieferung von Waren an Kunden eine Rolle spielt.

Hubert Seipel: Sie waren also quasi pleite und haben dann eine Firma gegründet?

Ren Zhengfei: Es geschah nicht, weil ich pleite war, sondern weil ich entlassen wurde. Ich musste mir einen neuen Job suchen. Ich fand zufällig heraus, dass Shenzhen gerade die Gründung von Technologieunternehmen förderte. Das musste ich ausprobieren. Unter dem alten System hatte ich nicht tun können, was ich wollte, und nun schlug jemand vor, eine Firma zu gründen. Mit meiner eigenen Firma konnte ich in meinem Namen tun, was ich wollte. Deshalb nahm ich den Vorschlag an und gründete eine private Tech-Firma.

Zu jener Zeit benötigte man 20.000 Yuan, um eine Firma zu registrieren, aber meine gesamte Abfindung vom Militär betrug nur 3.000 Yuan, also musste ich Geld sammeln. Einige Leute schlossen sich mir an, ohne Geld zu investieren. Das Kapital, mit dem wir das Unternehmen schließlich gründeten, betrug weniger als 20.000 Yuan, so ungefähr 16.000 Yuan. In Wirklichkeit war ich gezwungen, diesen Weg zu gehen. Wenn ich damals einen Beamtenjob bei der Regierung gefunden hätte, hätte ich vielleicht kein Unternehmen gegründet. Stattdessen hätte ich als Regierungsbeamter gearbeitet, wäre dann als Abteilungsleiter in Ruhestand gegangen und hätte den Rest meiner Tage mit Angeln verbracht. Die Realität war jedoch, dass ich keine andere Wahl hatte, als Huawei mit diesem kleinen Budget zu gründen.

Zu Beginn waren wir nur ein oder zwei Personen. Da ich es mir nicht leisten konnte, einen Lastwagen für den Warentransport zu mieten, musste ich selbst Säcke voll Waren im Bus mitnehmen. Dazu musste ich zuerst einen Sack 20 Meter weit tragen, ihn an der Straße abstellen und dann zurückgehen, um den nächsten zu holen. Dieser Vorgang wurde immer wiederholt, 20 Meter hin und her, bis alle Säcke an der Straße lagen. Dann lud ich sie in den Bus. Zu dieser Zeit galt ich als vielversprechender Mann in China. Jung, revolutioniert, sachkundig und spezialisiert, ich hatte fast alle Eigenschaften dieses Zeitalters und sollte daher zweifellos auf der Liste der zukünftigen Beamten auf Provinz- und Ministerialebene stehen. Nachdem ich jedoch plötzlich selbständig geworden war, wurde ich oft verspottet. Zum Glück war der Busfahrer so nett und ließ mich die Säcke nacheinander in den Bus laden. Als der Bus in Shekou im Bezirk Nanshan ankam, erlaubte mir der Fahrer, die Säcke wieder einzeln abzuladen und 20 Meter weit fortzutragen. Dann musste ich die Säcke einen nach dem anderen nach oben ins Büro tragen. Wenn die Säcke jemals außer Sicht geraten wären, hätten sie gestohlen werden können. So hat sich Huawei nach und nach entwickelt.

11. Hubert Seipel: Wann kam Ihr Durchbruch in den Anfangsjahren? Wann haben Sie sich gedacht, „Okay, ich werde es schaffen“?

Ren Zhengfei: Wir haben als Händler angefangen. Wir haben anderen Firmen beim Verkauf von Ausrüstung geholfen und ein wenig Provision genommen. Allmählich wuchs unsere Belegschaft auf 10 bis 20 Personen an. Wir haben oft selbst Waren von Lastwagen abgeladen. Wie Hafenarbeiter haben wir Holzkisten abgeladen und ins Lager gebracht. Wann immer Kunden nach Waren fragten, luden wir sie auf und lieferten sie aus. Vor drei Jahrzehnten haben wir hauptsächlich als Händler gearbeitet.

Als später eine Firma in Hongkong namens Hung Nien zu uns kam, baten sie mehrere Leute, meinen persönlichen Hintergrund zu untersuchen. Ich war wütend. Was war der Grund dafür? Nachdem sie gehört hatten, was die Leute über mich sagten, kamen sie zu dem Schluss, dass ich eine vertrauenswürdige Person war. Sie gaben uns die Lizenz, ihre Produkte zu vertreiben und sagten: „Wir haben Waren im Wert von 100 Millionen Yuan in unserem Lager in Guangzhou. Sie können sie abholen. Wenn die Waren verkauft sind, müssen Sie uns das Geld nicht sofort geben. Sie können es für eine Weile verwenden.“ Und sie boten uns einen vernünftigen Grundpreis an, damit wir mit dem Verkauf der Waren Geld verdienen konnten. China entwickelte sich zu dieser Zeit rasant, sodass eine hohe Nachfrage nach diesen Gütern bestand. Hung Nien vertraute uns sehr. Der Besitzer, Liang Kunwu, war ein gebildeter Gelehrter. Dank ihres Vertrauens und ihrer Unterstützung begannen wir, uns schrittweise weiterzuentwickeln, und sammelten einige Mittel für die zukünftige Entwicklung.

12. Hubert Seipel: Zu dieser Zeit waren die USA ein aufstrebendes Land für diese Art von Technologie und für die Branche, in die Sie eintreten wollten. Wann sind Sie zum ersten Mal in die USA gereist?

Ren Zhengfei: Das war 1992.

Hubert Seipel: Ich habe den Bericht gelesen, den Sie geschrieben haben, und es ist faszinierend, ihn jetzt 2019 noch einmal zu lesen. Er heißt Eindrücke aus Amerika. Sie schreiben darin, kurz gesagt, dass Sie die USA bewundern. Sie haben das ganze Land zu einem gewissen Grad bewundert. Sie haben die Technologie bewundert und sich selbst in Ihrer Firma, insbesondere Ihr Management, im Vergleich als eher schwach und unerfahren angesehen. Die USA waren zu dieser Zeit das Land der Verheißungen für Sie. Ist das richtig?

Ren Zhengfei: Ja. Ich hatte während der Kulturrevolution in China einiges über die USA gelesen. Damals besuchte eine Delegation der Volksbefreiungsarmee von China West Point und es gab eine Reihe von Artikeln über West Point in der Tageszeitung der Volksbefreiungsarmee. Der Führungsstil der Akademie hat mich tief beeindruckt. In den Anfangsjahren von Huawei habe ich mich bei der Unternehmensführung auf einige Ideen aus West Point gestützt. Aber natürlich können wir als Hersteller keine militärische Strenge an den Tag legen.

Nachdem ich in den USA angekommen war, sah ich mit eigenen Augen, wie die USA waren. Ich war noch nie zuvor im Ausland gewesen. Vor Chinas Reform und Öffnung hatte ich geglaubt, zwei Drittel der Weltbevölkerung würden ein hartes Leben führen und unter Hunger leiden. Nur wir hätten genug zu essen und die anderen vertrauten darauf, dass wir sie retteten. So dachten wir über die Welt. Als wir endlich im Ausland waren, stellten wir fest, dass wir die Armen waren, und verstanden, wie die Außenwelt wirklich war, was unser Bewusstsein erweiterte.

Ich war auch tief beeindruckt vom amerikanischen Geist und von den Innovationsmechanismen. Es gab einen Artikel mit dem Titel Schlaflos im Silicon Valley. Es ging darum, wie hart die Unternehmen im Silicon Valley arbeiteten. Ihre Mitarbeiter arbeiteten Tag und Nacht unter rauen Bedingungen, sogar auch in Garagen. Dieser Geist lebt noch heute im Silicon Valley. Wir haben eine Lehre aus diesem Geist gezogen: Wir mussten auch hart arbeiten und bei der Sache bleiben, wenn wir von einem Unternehmen, das einfache Produkte anbot, zu einer Marke im mittleren bis hochwertigen Segment heranwachsen wollten.

Noch heute bewundere ich die USA so wie in jungen Jahren. Trotz der Tatsache, dass sie uns im Moment angreifen, glaube ich immer noch, dass wir uns irgendwann auf dem Gipfel des Himalajas treffen werden – also auf dem Gipfel von Wissenschaft und Technologie. Die USA werden vom Süden her mit Kaffee und Konserven aufsteigen, während Huawei vom Norden her mit Trockennahrung aufsteigen wird. Wenn wir uns oben treffen, werden wir nicht gegeneinander kämpfen. Stattdessen werden wir uns umarmen, um unsere gemeinsamen Beiträge zur Digitalisierung der Gesellschaft zu feiern.

Wir sollten mehr zur Gesellschaft beitragen. Wir sollten nicht engstirnig sein. Es ist die Aufgeschlossenheit, die uns das Vertrauen so vieler Kunden eingebracht hat. Der heutige Angriff wird nicht das Ende von Huawei bedeuten. Wenn wir uns in einigen Jahren einmal wiedersehen, stoßen wir hoffentlich auf unseren Erfolg an.

13. Hubert Seipel: Die erste Krise für Ihre Branche ereignete sich um das Jahr 2001, und viele Unternehmen im Westen litten schwer darunter. Wie sind Sie durch diese Krise gekommen?

Ren Zhengfei: Als die IT-Blase platzte, waren auch wir mit einer großen Krise konfrontiert und standen kurz vor dem Zusammenbruch. Wir hatten sowohl interne als auch externe Probleme. Extern fehlten uns die nötigen Fähigkeiten, um unsere Kunden zu bedienen. Während der IT-Blase wurden alle hochwertigen Teile von großen Unternehmen aufgekauft. Wir konnten nur minderwertige Teile für die Herstellung unserer Produkte kaufen, die wir wiederum an unsere Kunden verkauften. Auch intern steckten wir in einer großen Krise. Im Jahr 2002 haben mehrere Mitarbeiter das geistige Eigentum des Unternehmens gestohlen und Leute von uns abgeworben, um eigene Unternehmen zu gründen.

Wir konnten das einfach nicht mehr ertragen und veranstalteten ein Treffen mit 400 Führungskräften, bei dem wir Vom Kriege studierten – ein Buch von Carl von Clausewitz aus Deutschland. Es gab eine Zeile im Buch, die der Frage nachgeht, was eine erfolgreiche Führungspersönlichkeit ausmacht: „Soll er nun diesen beständigen Streit mit dem Unerwarteten glücklich bestehen, so sind ihm zwei Eigenschaften unentbehrlich: einmal ein Verstand, der auch in dieser gesteigerten Dunkelheit nicht ohne einige Spuren des inneren Lichts ist, die ihn zur Wahrheit führen, und dann Mut, diesem schwachen Lichte zu folgen.“ Nun war es höchste Zeit für uns, den Weg mit unseren Herzen zu erleuchten und das Vertrauen unseres Teams zu stärken.

Die erste Entscheidung, die wir trafen, war die Rücknahme unserer minderwertigen Produkte von unseren Kunden, was uns insgesamt über eine Milliarde Yuan kostete. Damals ging uns das Geld aus. Trotzdem haben wir diese Maßnahme ergriffen, um das Vertrauen der Kunden zu gewinnen. Zweites setzten wir auf die richtige „Hühnerrippen“-Strategie. Während dieser Wirtschaftsblase investierte Nortel stark in die optische Übertragung. Als während der Krise die Preise für diese Technik stark fielen, war diese Technik praktisch wie eine „Hühnerrippe“ mit kaum Fleisch daran. Wir entschieden uns, an den wertlosen „Hühnerrippen“ zu arbeiten, auf die sich kein anderes Unternehmen stürzen wollte.

Durch 10 bis 20 Jahre harter Arbeit haben wir uns zum absoluten Weltmarktführer für optische Übertragung und optische Vermittlungstechnik entwickelt. Andere Unternehmen werden es sehr schwer haben, uns kurzfristig auf diesem Gebiet einzuholen. Deshalb haben wir vor Kurzem angekündigt, photonische Computer zu entwickeln.

Wir haben das Management-Meeting zur richtigen Zeit abgehalten und sichergestellt, dass alle in ihren Gedanken übereinstimmten. Auf diese Weise konnten diejenigen, die geblieben sind, ihre gute Arbeit fortsetzen. Wir wählten das am wenigsten profitable Geschäft, haben es aber geschafft, diese große Krise zu überstehen.

14. Hubert Seipel: Trotz Ihrer Liebe zu den USA gibt es offensichtlich einen endlosen Krieg zwischen Huawei und den USA, seit Huawei erfolgreich ist. Offensichtlich hat dieser schon im Jahr 2005 begonnen. Sie wurden als eine Art Gefahr für die USA oder für die US-Politiker ausgemacht. Können Sie das erklären?

Ren Zhengfei: Ich glaube nicht, dass US-Politiker repräsentativ für die USA sind. Ich bewundere die USA unverändert, und ich hasse keine US-Politiker. Warum? Weil sie Huawei „auspeitschen“ und uns dazu anspornen, noch härter zu arbeiten. Wenn wir nicht hart arbeiten, werden sie uns schlagen. Eigentlich ist das gut für uns. Ohne Druck von außen würde es intern an Motivation mangeln, weiter voranzukommen.

15. Hubert Seipel: Aber schon 2007 ist die NSA in Ihr Netzwerk und sogar direkt in Ihre persönliche Kommunikation eingedrungen. Sie kennen sicherlich den Namen der damaligen NSA-Operation – „Shotgiant“. Der Whistleblower Edward Snowden hat dies aufgedeckt. Warum wurde Huawei so früh ins Visier genommen?

Ren Zhengfei: Erstens verfolgten wir beim Aufbau interner Netzwerke das Prinzip, nur böswillige Konkurrenten daran zu hindern, auf unsere internen Netzwerke zuzugreifen. Unsere internen Netzwerke waren nicht darauf ausgelegt, westliche Konkurrenten oder Regierungen, einschließlich der US-amerikanischen und chinesischen, zu blockieren. Wir haben nicht genug Geld, um so dicke Mauern gegen alle externen Akteure zu bauen. Wir zielen nur auf böswillige Konkurrenten ab, die beabsichtigen, unsere Technologien zu stehlen.

Zweitens sind weltweit nur wenige Unternehmen in Bezug auf interne und externe Compliance so leistungsfähig wie wir. In internationalen Medien sind Berichte darüber zu finden, wie sich Huawei „der härtesten und strengsten Kontrolle der Welt“ unterwirft. In Großbritannien zum Beispiel genießen wir immer noch Vertrauen, auch wenn es Kritik an Huawei gibt.

Die USA haben sich damals wohl aus Neugierde Zugang zu unseren Netzwerken verschafft und nicht aufgrund unserer Stärken. Sie schienen zu glauben, ich sei reich, fanden aber nur heraus, dass ich es nicht war. Zum Glück hatte ich damals nicht viel Geld. Das war damals mein größter Vorteil. Heute sagen viele Leute, ich sei ein Kapitalist, aber ich hatte in der Vergangenheit wirklich nicht viel Geld. China hat in den letzten Jahren seine Bemühungen um Korruptionsbekämpfung verstärkt. Wir waren nie in irgendwelche Korruptionsvorfälle verwickelt. Wir achten auch bei unseren Geschäftstätigkeiten außerhalb Chinas stets auf Compliance. In Zukunft werden wir uns noch mehr auf interne und externe Compliance konzentrieren und noch höhere Standards erfüllen.

In den ersten drei Jahrzehnten waren wir wie ein Bauer in Arbeitskluft, der in einen prächtigen Palast eintritt. Wir benötigten Zeit, um uns an interne und externe Compliance-Vorschriften anzupassen, mit denen wir nicht vertraut waren. Aus diesem Grund hatten wir beschlossen, nur böswillige Konkurrenten daran zu hindern, auf unsere Informationsnetzwerke zuzugreifen und unsere Kerntechnologien zu stehlen, uns aber nicht vor irgendeiner Regierung zu schützen.

16. Hubert Seipel: Wir befinden uns gerade in einer heiklen Zeit. Immerhin halten die Vorwürfe der Vereinigten Staaten seit Jahren an und es geht immer um dDasselbe – dass Huawei ein Spionagewerkzeug für die chinesische Regierung ist und dass Huawei direkte Befehle von der Kommunistischen Partei erhält. Präsident Trump erließ sogar einen Executive Order, um US-Technologieunternehmen das Geschäft mit Ihnen zu verbieten. Ich zitiere: „Huawei ist an Aktivitäten beteiligt, die im Widerspruch zur nationalen Sicherheit der USA oder zu außenpolitischen Interessen stehen.“ Worum geht es da? Spekulationen? Ein Handelskrieg? Ein politischer Widerspruch? Was glauben Sie?

Ren Zhengfei: Ich begreife nicht wirklich, was Trump vorhat. Unsere Produkte haben kaum einen Marktanteil in den USA. Woher kommt der Vorwurf, dass wir eine Gefahr für die amerikanische Sicherheit sind? Wie können wir eine Gefahr für die USA sein? Die Entscheidung der USA entspricht nicht der Rechtsstaatlichkeit. Das Bezirksgericht für den östlichen Bezirk von New York hat uns verklagt, und wir behaupten, dass wir nicht schuldig sind. Wenn die USA uns bestrafen würden, nachdem in einem ordnungsgemäßen Verfahren ein Urteil im Gerichtssaal gefällt wurde, könnten wir das nachvollziehen, weil wir die gesetzlichen Verfahren respektieren. Die USA halten sich jedoch nicht an die Regeln. Ich weiß nicht, wie ich das verstehen soll.

Für uns ist aber klar, das Ganze wird Huawei nicht umbringen. Einige amerikanische Abgeordnete haben gesagt, dass Huawei damit erledigt sei. Im Internet sagen manche, dass Huawei am Ende sei. Huawei wird aber nicht zugrunde gehen, unser Geschäft wird sich nur verkleinern. Wenn die Größe unseres Geschäfts derzeit der Größe eines Gänseeis entspricht, wird es auf die Größe eines Hühnereis, jedoch niemals auf die eines Taubeneis verkleinert. Ich denke, unser Geschäft wird schrumpfen, aber es wird keine größeren Probleme geben. In den High-End-Bereichen werden wir nicht von den USA geschlagen werden. Wir könnten uns entscheiden, einige Low-End-Bereiche aufzugeben. Dort entwickeln wir selbst keine Komponenten, da die Low-End-Produkte früher oder später auslaufen werden. Unser Umsatzwachstum mag sich verlangsamen, aber es wird kein negatives Wachstum geben. Wir werden weiterhin ein positives Wachstum sehen.

Bei dieser Entscheidung haben die US-Politiker die Interessen von US-Unternehmen wahrscheinlich nicht berücksichtigt. Auch US-Unternehmen brauchen Märkte. Sie müssen Chips und Komponenten nach China liefern, einem Markt mit 1,3 Milliarden Einwohnern. Wenn die USA nichts nach China liefern, wird China dazu gezwungen sein, alles selbst herzustellen. Infolgedessen werden die USA nicht mehr weltweit führend bleiben können. Der Weltmarktführer sollte alle 7,5 Milliarden Menschen auf der ganzen Welt bedienen, und die 1,3 Milliarden Chinesen machen rund ein Sechstel davon aus. Es gibt bereits das Wassenaar-Abkommen zur Kontrolle von High-End-Komponenten, und die USA können sich einfach an dieses Abkommen halten. Müssen wirklich Beschränkungen für Schrauben und Muttern auferlegt werden? Es ist möglich, dass die US-Politiker nicht viel über Technologie wissen.

17. Hubert Seipel: China ist keine billige verlängerte Werkbank mehr. In den letzten 40 Jahren hat es sich zu einer führenden Wirtschaftsmacht entwickelt – gegenwärtig die Nummer zwei hinter den Vereinigten Staaten und wahrscheinlich ziemlich bald die Nummer eins. Ist es die Angst, die hinter dieser Art von Aktion steckt, oder ist es die antikommunistische Politik der Vereinigten Staaten, die schon seit langem Tradition hat?

Ren Zhengfei: Ich kenne die Antwort auf diese Frage nicht. Ich bin kein Politiker, daher bin ich nicht sehr sensibel für politische Themen. Trotz der von den USA ausgehenden Angriffe ist Huawei nach wie vor die Nummer eins in unserer Branche. Ich bin zuversichtlich, dass sich dies nicht ändern wird. In ein paar Jahren treffen wir uns wieder und feiern dies gemeinsam.

Ich denke, dass die Welt Chinas Aufstieg akzeptieren sollte. Erst nach dem Aufstieg Chinas werden immer mehr Chinesen Waren von außerhalb Chinas kaufen können. Als Sie unsere Produktionslinien besuchten, haben Sie bestimmt bemerkt, dass ein Großteil der von uns verwendeten Anlagen und Geräte aus Deutschland stammt. Unsere Produktionssysteme verwenden Software von Siemens, Bosch und Dassault. Der größte Teil unserer Produktionsanlagen wurde in Deutschland hergestellt. Chinas Entwicklung wird viel Handel von Europa nach China bringen.

China war früher ein sehr armes Land. Die Kleidung, die ich als Student trug, war voller Flicken. Wenn meine Hosen hinten Löcher hatten, wurden diese mit einem anderen Stück Stoff an der Nähmaschine geflickt. Ich erinnere mich nicht, dass ich jemals anständige Kleidung trug. Wir alle sehen jedoch, dass die Chinesen heute viele Luxusgüter aus Europa kaufen. Sie sind jetzt in China sehr beliebt. Die wachsende Nachfrage in China wird einen riesigen Markt für Europa und die USA schaffen.

Der frühere US-Präsident Barack Obama hat in seiner Rede in Australien gesagt, dass es katastrophal für die Welt wäre, wenn die Chinesen den gleichen Lebensstandard hätten wie Amerikaner und Australier. Google Maps zeigt jedoch, dass es in den Küstengebieten Chinas viele „kleine Häuser“ gibt. Sie werden genutzt, um in schwimmenden Netzkäfigen Meerestiere für unsere Ernährung zu züchten. Ein Großteil der Meeresfrüchte in China wird künstlich gezüchtet und nicht aus dem Meer gefangen. Der nachhaltigen Entwicklung der Welt wird durch uns nicht geschadet. Aber natürlich sollten manche Chinesen sparsamer sein, da viele zu viel Geld verschwenden.

Was ich sagen möchte ist, dass die Welt Chinas friedlichen Aufstieg begrüßen sollte, und wir möchten wirklich, dass China friedlich aufsteigt. Die USA sind die stärkste Militärmacht der Welt. Wenn die USA keinen Krieg anfangen, wird niemand auf der Welt gegen sie in den Krieg ziehen. Ich glaube nicht, dass die Welt sich um den Aufstieg Chinas sorgen muss.

Sie können unser Unternehmen jederzeit besuchen und besichtigen und mit jedem sprechen, mit dem Sie sprechen möchten. Unsere chinesischen Angestellten denken ähnlich wie die im Westen – besonders die jüngeren Angestellten; Sie identifizieren sich mehr mit westlichen Konzepten und Ansätzen. Ich glaube, diese Konzepte und Ansätze werden sich auf der ganzen Welt durchsetzen und zu gemeinsamen Werten führen, die von der gesamten Menschheit geteilt werden.

Die Welt, in der wir leben, sollte sich eher in Richtung Frieden als in Richtung Krieg bewegen. Wenn es auch nur eine Person gibt, die keinen Krieg will, so kann sie meines Erachtens den Rest der Welt beeinflussen, der dann vielleicht nachzieht. Wir müssen die Kriegsquellen beseitigen, um einen friedlichen Aufstieg zu gewährleisten. Wir wollen in einer friedlichen Welt Geschäfte machen. Ein Angstgefühl zu erzeugen, nützt niemandem. Wenn alle voreinander Angst haben, wird die ganze Welt zu einem wirklich beängstigenden Ort.

18. Hubert Seipel: Die Spannungen zwischen diesen beiden Ländern was den Handelskrieg und Huawei anbelangt sind nun etwas persönlicher geworden. Ihre Tochter wurde am 1. Dezember des letzten Jahres in Vancouver verhaftet. Was war Ihre erste Reaktion, als Sie hörten, dass sie verhaftet wurde, weil sie CFO von Huawei ist?

Ren Zhengfei: Meine erste Reaktion war Schock. Meine Tochter ist voll und ganz integer. Es wäre unmöglich, dass sie sich an kriminellen Handlungen beteiligt. Ich hatte keine Ahnung, was der Grund für die Verhaftung war. Sie schickte mir einen Tag nach ihrer Festnahme eine Nachricht über ihren Ehemann. Sie sagte zu mir: „Vater, du bist ihr Ziel. Bitte sei vorsichtig.“

Am dritten Tag musste ich nach Argentinien fliegen, um dort an einem Treffen teilzunehmen, das eigentlich von Meng Wanzhou organisiert worden war. Ich glaubte, dass das Meeting für die Transformation, Stabilität und Entwicklung unseres Unternehmens sehr wichtig sei, und entschloss mich daher, das Risiko einzugehen und an dem Meeting teilzunehmen.

Damals wussten wir nicht, dass die USA so strenge Sanktionen gegen uns verhängen würden. Meine Frau machte sich große Sorgen. Sie blieb die ganze Nacht wach, um auf Neuigkeiten zu warten, und fragte mich immer wieder: „Hast du China schon verlassen? Bist du in das Flugzeug eingestiegen?“ Sie schlief erst ein, nachdem ich ihr gesagt hatte, dass das Flugzeug auf dem Rollfeld war. Nach dem Meeting kehrte ich gleich nach China zurück. Meine Familie hörte erst auf, sich Sorgen um mich zu machen, als ich gesund und munter wieder zu Hause angekommen war.

Eigentlich kümmert mich meine eigene Sicherheit nicht so sehr, und ich denke nicht, dass mein Leben so wichtig ist. Ich glaube, das Wichtigste ist die Transformation unseres Unternehmens. Die Transformation bei unserer argentinischen Niederlassung war sehr erfolgreich und hat eine unternehmensweite Transformation vorangetrieben. Im Rahmen des Handelskrieges haben wir die enorme Bedeutung der sieben Dokumente erkannt, die wir über unsere Transformation in Argentinien veröffentlicht haben und die beim Aufbau unserer Festungen eine wichtige Rolle gespielt haben. Die Leiter aller drei Geschäftsgruppen unseres Unternehmens haben mir gesagt, dass diese Dokumente entscheidend waren und dass die Dinge chaotisch geworden wären, wenn wir in den vorhergehenden sechs Monaten keine ausreichenden Vorbereitungen getroffen hätten. Ich habe mein Leben riskiert, um an dem Treffen in Argentinien teilzunehmen.

Ich denke, ich werde weiter um die Welt reisen. Welchen Wert und Sinn hätte mein Leben, wenn ich in einem Käfig eingesperrt wäre? Einige Leute haben zu mir gesagt: „Sie sind ein Denker. Wir brauchen nur Ihre Ideen. Sie müssen nicht persönlich reisen.“ Aber wie kann ich brillante Ideen haben, wenn ich nicht an die Front gehe?

Ein Journalist fragte mich einmal: „Was würden Sie tun, wenn Sie mit Ihrer Tochter zusammen in Kanada festgenommen worden wären?“ Ich sagte, ich würde jeden Tag Zeit mit meiner Tochter verbringen und mit ihr reden. Eine andere Frage war: „Was wäre, wenn Sie in die USA geschickt worden wären?“ Ich sagte ihnen, dass ich die Gelegenheit nutzen würde, die 200-jährige Geschichte der USA zu studieren und ein Buch darüber zu schreiben, wie China von den USA lernen und in den nächsten 200 Jahren in der Welt aufsteigen sollte.

Ein anderer Journalist fragte mich: „Was wäre, wenn die chinesische Regierung Sie ins Gefängnis sperrte, weil Sie den Befehl zur Installation von Backdoors ablehnten?“ Ich sagte, dass die Gefängnisse in China gut geführt sind. Einige Gefangene haben sogar ein eigenes Zimmer und es gibt ordentliche Badezimmer. Sie können Bücher lesen und fernsehen. Das ist ganz nett und völlig kostenlos! Ich denke, das ist eine nette Sache. Wenn das der Fall wäre, könnte ich aufhören, so viel zu denken. Ich bräuchte wohl keine Schlaftabletten mehr und mein Diabetes und Bluthochdruck könnten geheilt werden. Ich könnte sogar zwei oder drei Jahre länger leben. Worüber sollte ich mir also Sorgen machen?

Ich habe gerade ein entspanntes Leben. Unser Unternehmen ist auf dem richtigen Weg und kann sich ohne mich gut entwickeln. Es erlebt gerade Schwierigkeiten, aber ich habe immer noch nicht viel zu tun. Der Grund dafür ist, dass wir das Unternehmen nach Regeln und Vorschriften führen, die wir uns in Ländern wie Großbritannien und Deutschland abgeschaut haben. Dieses Unternehmen wird nicht von einer oder zwei bestimmten Personen geführt. Nach 30 Jahren harter Arbeit bin ich ziemlich zuversichtlich.

19. Hubert Seipel: Ihre Tochter wird beschuldigt, gegen die Iran-Sanktionen der USA verstoßen zu haben, und die USA fordern ihre Auslieferung. Laut Washington Post kam der Fall von Meng, und ich zitiere, „genau zu dem Zeitpunkt, als die Trump-Regierung Verhandlungen führte, bei denen viel auf dem Spiel stand. Es scheint ein Zusammenhang zu bestehen“. Ich meine, europäische Länder, wie Deutschland, Dänemark oder Frankreich, folgen dem Weg Amerikas oder Trumps nicht. Wir haben uns die französischen Dekrete angeschaut. Aber können die USA Ihr Unternehmen zerschlagen? Können Sie ohne die USA überleben?

Ren Zhengfei: Was Ihre erste Frage in Bezug auf Meng Wanzhou betrifft, werde ich nicht viel zu dem Fall sagen, da er sich in einem laufenden Gerichtsverfahren befindet. Wir glauben nicht, dass Meng schuldig ist. Wir haben Beweise für die Verteidigung. Die US-Staatsanwälte müssen ebenfalls Beweise vorlegen.

Ihre zweite Frage lautet, ob Huawei weiterhin überleben könnte, wenn wir technologisch von den USA getrennt wären. Ich glaube, dass die Welt zusammenarbeiten sollte, damit ein gemeinsamer Erfolg möglich ist, denn in einer globalisierten Wirtschaft sind alle voneinander abhängig und niemand kann isoliert existieren.

Aber heute können wir sagen, dass wir auch ohne Lieferungen aus den USA überleben und einen soliden Betrieb aufrechterhalten könnten. Wir könnten weiterhin die Nummer eins der Welt sein. Wir bewundern jedoch die US-Unternehmen immer. Viele US-Unternehmen möchten mit uns zusammenarbeiten. Sie sind anders als die US-Politiker. Wir werden immer langfristiger strategischer Partner von US-Unternehmen bleiben. Sie versuchen nun, die US-Regierung zu bitten, ihre Lieferungen zu genehmigen, und wir sind entschlossen, ihre Produkte zu kaufen.

Zum Beispiel haben wir Komponenten, die die von Qualcomm ersetzen können, aber 50 Prozent unserer Komponenten kaufen wir immer noch von Qualcomm, statt nur unsere eigenen zu verwenden. Ich habe klargestellt, dass wir immer amerikanische Komponenten verwenden und niemals alle Vorteile für uns selbst ausnutzen werden. Wir werden immer für US-Unternehmen offen bleiben. Die historischen Rückschläge werden unsere Freundschaft zu US-Unternehmen auf die Probe stellen. Aber nur durch Zusammenarbeit können wir die menschliche Zivilisation voranbringen.

20. Hubert Seipel: Nach Angaben der Vereinten Nationen waren die letzten 40 Jahre ein Segen für China. Betrachtet man die Zahlen, befinden sich mittlerweile 700 Millionen Chinesen über der Armutsgrenze. Die Lebenserwartung in China lag 1978 bei nur 60 Jahren. Dann begann Deng Xiaoping mit den Reformen, und jetzt beträgt sie 76 Jahre. Wie hat dies die chinesische Gesellschaft verändert und wie verändert es sie noch heute?

Ren Zhengfei: Erstens hatte China in den 1960er und 1970er Jahren eine Bevölkerung von mehr als 600 Millionen Menschen. Zu dieser Zeit waren der Himmel über uns und das Land unter unseren Füßen der- und dasselbe wie heute, aber die Menschen hatten nicht genug zu essen. Dann wurde die Reform- und Öffnungspolitik verabschiedet. Heute hat China 1,3 Milliarden Einwohner und produziert mehr Lebensmittel, als die Menschen verbrauchen können. Dies ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Einer davon ist die bedeutende Entwicklung der Produktionstechnologie. Ein anderer ist, dass sich Chinas landwirtschaftliche Produktion von einem Vertragsverantwortungssystem zu einem System gewandelt hat, das es Bauern ermöglicht, ihre Landnutzungsrechte zu übertragen, und das nach und nach zu einer landwirtschaftlichen Produktion werden wird, wie wir sie heute in westlichen Ländern sehen. Darüber hinaus sind fortschrittliche landwirtschaftliche Werkzeuge viel weiter verbreitet. Diese Faktoren haben Chinas Getreideproduktion drastisch erhöht.

Die westlichen Länder verzeichneten dank des günstigen Zyklus aus hohen Preisen, hohem Verbrauch und hohen Löhnen und Gehältern in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren eine prosperierende Wirtschaft, während China ein niedriges Preisniveau bei Rohstoffen und Agrarerzeugnissen hatte. Später, als diese Preise in China zu steigen begannen, beschleunigte sich der heimische Wirtschaftskreislauf, was den chinesischen Bauern zugutekam.

Zweitens führte China sehr niedrige Steuern ein, um ausländische Investoren für den Aufbau von Fabriken in China zu gewinnen. In der Folge arbeiten heute 200 Millionen ehemalige Bauern als Arbeiter in den Städten. Vor einem Jahrzehnt konnte ein Wanderarbeiter in China 100 US-Dollar im Monat verdienen – eine Summe, die er auf dem Land nicht in einem Jahr verdienen konnte. In den späten 1970er Jahren habe ich einmal auf dem Land gearbeitet, um bei der Umgestaltung des ländlichen Raums zu helfen. Nach unserer Untersuchung der bäuerlichen Gegebenheiten konnte ein sehr starker Bauer nur 0,08 Yuan pro Tag verdienen, was 0,01 US-Dollar pro Tag entsprach. Ihr Einkommen war zu dieser Zeit extrem niedrig. Selbst jetzt beträgt das durchschnittliche Monatseinkommen in Chinas ländlichen Gebieten nur 2.000 bis 3.000 Yuan.

Es wurden jedoch immer mehr Landkreise in den ländlichen Gebieten Chinas aus der Armut befreit, indem anstelle des bisherigen Ansatzes der kleinbäuerlichen Landwirtschaft nun in großem Maßstab produziert wird. Ein Beispiel ist der Landkreis Hezhang in der Provinz Guizhou, in dem eine Art dünne und duftende Frühlingszwiebel angepflanzt werden kann. Diese Frühlingszwiebel wird dort auf tausenden Hektar Land angebaut. Inzwischen hat sich eine intensive Industriekette gebildet, die die Verpackung, die Logistik, den Transport und den anschließenden Verkauf in Peking, Schanghai, Guangzhou und anderen Großstädten mit hohem Verbrauch umfasst. Dadurch verdienen die örtlichen Bauern viel besser. Der Parteisekretär von Guizhous anderem Landkreis, Zhenning, besuchte mich einmal und erzählte mir, dass sein Landkreis über 800 Hektar Ingwer und Pflaumen anbaut, was den Landkreis aus der Armut befreit hat.

Andere Regionen, wie zum Beispiel die verarmten Teile Afrikas, können viel von Chinas Bemühungen um Armutsbekämpfung lernen, auch wenn das Einkommen der chinesischen Bauern nach westlichen Maßstäben immer noch sehr niedrig ist. Basierend auf den Armutsstandards der Vereinten Nationen lebt in China immer noch ein großer Bevölkerungsanteil unterhalb der Armutsgrenze. Chinas Armutsgrenze lag früher bei 1,20 US-Dollar pro Tag und wurde jetzt auf 1,90 US-Dollar angehoben, während die von den Vereinten Nationen festgelegte Grenze 2,50 US-Dollar beträgt. Unsere Armutsgrenze ist relativ niedrig, weil sie auf unseren allgemeinen Lebensstandard abgestimmt ist.

Die Reform- und Öffnungspolitik hat eine enorme Rolle dabei gespielt, China aus der Armut zu befreien. Die Bemühungen von Regierungsbeamten auf allen Ebenen sind ebenfalls wichtig. Die Kommunistische Partei hält an dem Motto „dem Volk dienen“ fest. Eine Regierung, ob sie wirklich danach strebt oder nicht, muss ihrem Volk dienen. Objektiv kann dies den sozialen Fortschritt vorantreiben.

21. Hubert Seipel: Sie haben in den letzten 70 Jahren in China eine sehr schwierige Zeit durchgemacht. Da war die Hungersnot, da war die Kulturrevolution und da war der Wandel des Systems bis zu einem gewissen Grad. Welches Wort fällt Ihnen ein, wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken? War es Druck, der Sie so geformt hat, wie Sie sind?

Ren Zhengfei: Ich würde sagen, es war eine schwere Reise. China hat viele Umwege genommen, bevor es seinen eigenen Ausweg fand. Ich bin überzeugt, dass China letztendlich neue Triebfedern für die Entwicklung finden wird. Die Triebkräfte von heute sind vor allem, eine wohlhabende Gesellschaft aufzubauen, die die Benachteiligten aus der Armut befreit, Kindern Zugang zu guter Bildung zu verschaffen und dem Volk ein glückliches Leben zu ermöglichen. Dies ist der Schlüssel für eine bessere Zukunft Chinas.

Mit diesem Ziel vor Augen wird die ganze Nation ihre Motivation und gute Organisation beibehalten. Die chinesische Regierung muss Maßnahmen ergreifen, um Anarchie und Chaos zu vermeiden und sicherzustellen, dass sich das Land weiterhin auf geordnete Weise reformiert und entwickelt.

22. Hubert Seipel: Was ist der Unterschied zwischen Ihrer Generation und derjenigen, die 40 Jahre jünger ist, die nicht Ihre Erfahrungen gemacht und keine besonderen Härten erlebt hat? Was denken Sie über diese Generation?

Ren Zhengfei: Ich denke nicht, dass jeder durch Not und Härte gehen muss. Wenn wir alle so viel leiden müssten, wie könnte die Gesellschaft noch Ziele und Visionen haben? Die jüngere Generation sollte ihr Wissen und ihre Kreativität erweitern, um dem Land und seinem Volk besser zu dienen.

Die Elite-Universitäten in den USA haben zwei Standards für die Auswahl der besten Kandidaten: Haben sie sich um ältere Menschen gekümmert? Haben sie jemals ehrenamtlich Waisen geholfen? Wenn sich ein Kandidat nie an solchen ehrenamtlichen Aktivitäten beteiligt hat, bekommt er 20 Prozent Notenabzug bei seiner Bewerbung. Selbst wenn er in den Prüfungen die volle Punktzahl erreicht, wird es ihm schwerfallen, an den Top-Universitäten einen Platz zu bekommen.

Was ist der Zweck der US-Elite-Universitäten? Nämlich Führungskräfte zu kultivieren, die später ein Unternehmen oder sogar das Land führen. Führungskräfte dürfen sich nicht nur um sich selbst kümmern oder sich nur darauf konzentrieren, Geld in die eigene Tasche zu stecken, sonst zerstören sie die Gesellschaft. Die Gesellschaft muss ihnen am Herzen liegen. Dann wird man vielleicht auch verstehen können, warum die Absolventen berühmter US-Universitäten, wie Harvard, freiwillig in Afrika für sehr wenig Geld arbeiten. Sie tun dies für ein Ideal. Dieses Ideal wird als Geist des Puritanismus bezeichnet.

Ich glaube nicht, dass es einen großen Unterschied zwischen dem Geist von Huawei und dem des Puritanismus gibt. Der Geist von Huawei ist nämlich das Ideal, einen Beitrag zur Menschheit zu leisten. Wenn Huawei ein kapitalgetriebenes Unternehmen wäre, würden wir Gewinne priorisieren. Dies würde bedeuten, dass wir nur dort tätig würden, wo wir enorme Gewinne erzielen könnten, und uns weigern würden, dort tätig zu werden, wo wir kein Geld verdienen könnten.

In einigen Regionen Afrikas ist es sehr schwierig, aber wir arbeiten immer noch dort. Wenn unser Ziel nur das Geld wäre, wären wir nie dort tätig geworden. Der Mount Everest ist sehr hoch, aber wir haben die Basisstationen an der Nord- und auch der Südwand gebaut. Wenn wir dort keine Basisstationen gebaut hätten, würden Bergsteiger, die sich in Gefahr befinden, die Außenwelt kaum erreichen, um Hilfe zu rufen. Ohne rechtzeitige Rettung kann es für sie leicht lebensgefährlich werden.

Können wir an diesen Orten Gewinne erzielen? Nein, aber wir kämpfen für unser Ideal, und wir sind dabei leidenschaftlich wie auch die Anhänger des Puritanismus. Dieses Ideal hat unsere Unternehmenskultur mitgeprägt. Unsere Mitarbeiter feilschen nicht mit dem Unternehmen um persönliche Gewinne. Das heißt aber nicht, dass ihre Entlohnung und Entwicklung dem Unternehmen unwichtig sind. Unsere Kultur ähnelt also in vielerlei Hinsicht der Kultur US-amerikanischer Unternehmen.

23. Hubert Seipel: Wie viele „Huaweis“ gibt es in China?

Ren Zhengfei: Ich habe keine Ahnung. China hat die deutsche Kultur immer willkommen geheißen. Die Reformation hat ihren Ursprung in Deutschland. Deutschland ist die Heimat von so vielen Philosophen, Musikern und Künstlern. Wie kann eine Industriegesellschaft solch großartige Kultur hervorbringen?

Vor einigen Tagen besuchte Chinas Minister für Industrie und Informationstechnologie Huawei. Ich lud ihn ganz besonders zur Besichtigung unserer Produktionslinien ein. Ich erzählte ihm, wie großartig die Softwareprodukte von Siemens, Bosch und Dassault sind. Warum tat ich dies? Beim industriellen Internet geht es darum, die industriellen Erfahrungen, die in den vergangenen Jahrzehnten gesammelt wurden, zu digitalisieren, und nicht darum, Internetunternehmen in ein industrielles Internet zu verwandeln. Wir fördern den Einsatz deutscher Software-Lösungen für die automatische Steuerung in ganz China, weil dies zur Steigerung von Produktivität und Effizienz beitragen kann. Wir glauben, dass sich China und Deutschland wirtschaftlich in hohem Maße ergänzen. China muss sich entwickeln, und Deutschland bietet viele Vorteile, die für China nützlich sind. Deutschland wiederum braucht den chinesischen Markt mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern.

Als ich einmal Stuttgart besuchte, stellte mir der Direktor der Technischen Fakultät der Universität Stuttgart die Studienanfänger vor. Jeder Student erhielt ein Stück Metall und eine Zeichnung eines Zahnrads oder einer Welle. Sie mussten dann ein Zahnrad oder eine Welle anfertigen, nur mit einer Feile. Und ihr Zahnrad oder ihre Welle wurde nicht gleich bewertet. Sie bekamen erst dann eine Note, wenn sie das Zahnrad oder die Welle richtig in das Getriebe eines Autos einbauten und das Auto damit sicher hin- und herfuhr. Ich glaube, dass der deutsche Maschinenbau weltweit seinesgleichen sucht. Deutsche Autos sind immer noch viel teurer als andere, obwohl sie auch nicht mehr Stahl benötigen.

Deutschland hat viele gute Dinge und braucht dafür einen großen Markt, um den Wert dieser Dinge zu entfalten. Dazu braucht es Handelserleichterung und Liberalisierung. China hat seine Reformen vielleicht etwas schleppend durchgeführt, aber seit dem vergangenen Jahr hat es begonnen, die Schwelle für Investitionen in den Maschinenbau und in Industrieprodukte abzusenken und die Zölle zu senken. Alle diese Maßnahmen tragen zum weiteren Wachstum bei. China und Deutschland sollten Konfrontationen vermeiden und ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit weiter stärken. Wir stimmen ausdrücklich mit dem europäischen Konzept überein. Die EU ist eine Wirtschaftsgemeinschaft. Sie ist nicht vom politischen Ehrgeiz geprägt. Ebenso strebt auch China keine Hegemonie an. China stellt immer noch Low-End-Produkte und Produkte der mittleren Preisklasse her. Es sollte einen gewissen Austausch zwischen den Märkten für Low-End-Produkte und Produkte der mittleren Preisklasse sowie den Märkten für High-End-Produkte geben.

Außerdem liegt China im Dienstleistungsbereich immer noch hinter vielen anderen Ländern zurück. Als ein Freund von mir krank war, empfahl ich ihm zwei Länder für seine Operation: Deutschland und die USA. Das deutsche Gesundheitssystem ist sehr weit fortgeschritten. Wenn Deutschland einige Krankenhäuser in China errichten könnte, würde es das Geld, das China durch Deutschland verdient hat, sehr schnell wieder zurückbekommen, ohne besonders viele Fachkräfte investieren zu müssen.

Was die Bildung anbelangt, so muss man extrem hart arbeiten, um in Deutschland zu promovieren. Ein in Deutschland erworbener Doktortitel bedeutet wirklich hohe Qualität. In unseren Fabriken in Großbritannien und Deutschland sind viele Mitarbeiter mit einem Doktortitel aus Deutschland angestellt, weil sie ausgezeichnet qualifiziert sind. Das deutsche Bildungssystem ist sehr anspruchsvoll. Warum führen wir nicht Deutschlands Grund- und Mittelschulbildungskonzepte in China ein? China öffnet auch seinen Dienstleistungssektor, einen „emissionsfreien“ Sektor. Durch diesen Sektor kann Deutschland in China Gewinne machen, um sich gegen Handelsdefizite abzusichern.

24. Hubert Seipel: Ihr Fazit ist also ein starkes China, das nach 40 Jahren Entwicklung eine gemeinsame Zukunft mit Europa teilt?

Ren Zhengfei: Ich denke ja. Meiner Meinung nach ergänzen sich Europa und China in vielerlei Hinsicht. Die Europäische Union ist eine Gemeinschaft aus 28 Ländern. Sie verfolgt das Ziel wirtschaftlicher Prosperität statt politischer Hegemonie. Auch China strebt keine politische Hegemonie an. China und Europa sollten zusammenarbeiten und sich gegenseitig stärken. Diese Zusammenarbeit kann auch durch die Initiative der „Neuen Seidenstraße“ geknüpft werden, durch die China fehlende Energieressourcen aus dem Nahen Osten und Mittelasien einholen kann, um seinen Wirtschaftsmotor in Gang zu halten und letztendlich das gemeinsame Wachstum zu beschleunigen.

Als ich vor ein paar Tagen mit japanischen Medien sprach, sagte ich, dass ich gerne eine Freihandelszone zwischen China, Japan und Südkorea sähe. Wir sollten uns auch für die Einrichtung einer Freihandelszone zwischen China und Europa einsetzen. Wenn europäische Waren zollfrei würden, würde eine große Anzahl europäischer Waren und auch Dienstleistungen nach China fließen. Chinesische Produkte würden auch nach Europa exportiert. Das Handelsdefizit würde dann kleiner. Ich denke, dadurch könnte eine neue Art des Gleichgewichts geschaffen werden, und hoffe, dass Europa und China zusammenarbeiten werden, um dies zu verwirklichen.

Auch ich habe hier tatsächlich Beiträge für Europa geleistet. Nach wiederholten Versuchen ist es mir gelungen, die chinesische Regierung zu überzeugen, sich Europa anzunähern und ein chinesisch-europäisches Normensystem zu etablieren. Dieses wurde bereits umgesetzt. Jetzt sind chinesische und europäische Normungsorganisationen auf der gleichen Wellenlänge. Als nächstes hoffe ich, dass amerikanische Normungsorganisationen beitreten und das Normensystem richtig global wird.

25. Hubert Seipel: Was könnte zukünftig das größte Hindernis für die Kooperation zwischen China und der EU sein?

Ren Zhengfei: Da gibt es zwei Dinge, die entscheidend sein könnten. Das Erste ist der Schutz des geistigen Eigentums. China hat dem in der Vergangenheit nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. Aber jetzt, wenn Sie in China fernsehen oder chinesische Medienberichte lesen, werden Sie feststellen, dass China den Schutz des geistigen Eigentums sehr ernst nimmt.

Das Zweite ist die Frage, ob es ausländischem Kapital erlaubt sein sollte, vollständig in ausländischem Besitz befindliche Unternehmen in China zu gründen. Das geistige Eigentum dieser Unternehmen sollte besser geschützt werden. Wenn dies so geschieht, dann wird es meines Erachtens keine Hindernisse für die Entwicklung europäischer Unternehmen in China geben.